Internationale Hauptausstellung
»HÖHER. SCHNELLER. WEITER.«

22. Oktober bis 15. November 2020

Kunst- und Gewerbeverein Regensburg

Videorundgang

durch die Hauptausstellung im Kunst- und Gewerbeverein Regensburg.

Gesamt- und Detailansichten der künstlerischen Arbeiten und der Ausstellungskonzeption.

Rundgang durch die Ausstellung

Raum 1

Espen Eichhöfer, Jens Klein, Nora Klein, Johanna Reich, Juergen Staack

Raum 1 – Galerie

Kerstin Hacker, Olaf Unverzart, Studierende Cambridge School of Art, Studierende Mozarteum Salzburg

Raum 2

Daniel Kempf-Seifried, Paul Kooiker, Berit Schneidereit

Raum 3

Simon Lehner, Natalia Luzenko, Birthe Piontek

Raum 4

Miriam Böhm, Juergen Staack

Raum 1
Details zu den Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler von Festivalkurator Andy Scholz:

ESPEN EICHHÖFER wurde 1966 in Nesbyen (Norwegen) geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte Fotografie an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Er zeigt eine Serie von Bildern, die an einer Berliner Straßenkreuzung entstanden. Auf einer Aufnahme aus dieser Serie ist eine Frau zu sehen, die ihn verklagte. Das ganze ging bis vor das Bundesverfassungsgericht. Dieses Spannungsfeld passt wunderbar zu unserem Festivalgedanken, zu der Diskussion um die Bedeutung, die Frage nach dem Copyright und der Wahrnehmung von fotografischen Bildern im 21. Jahrhundert.
Mal abgesehen von dieser Diskussion gehört Espen Eichhöfer zu jenen Fotografen, die es geschafft haben mit ihren Reportage-Bildern im Kunstmarkt Fuß zu fassen. Arbeiten von ihm befinden sich unter anderem in einer der wichtigsten Foto-Sammlungen Deutschlands im Museum Folkwang.
Der Grund liegt auf der Hand. Seine zumeist nach wie vor auf Negativfilm belichteten Farbaufnahmen sind sehr raffiniert durchkomponiert. Sie zeugen von einer genauen Beobachtungsgabe und einem großen Gespür für den Moment. Ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, eine genaue Auswahl zu treffen von den Bildern, die schließlich veröffentlicht werden.

JENS KLEIN wurde 1970 in Apolda geboren, lebt und arbeitet in Leipzig. Er studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Der in Regensburg geborene Florian Ebner, der heute am Centre Pompidou in Paris das sogenannte »Fotografische Kabinett« leitet, schreibt: »Jens Klein hat (…) Fotografien als serielle Bildfolgen zusammengestellt, die er in der Stasi-Unterlagenbehörde gesichtet hat. Entkleidet von ihrem ursprünglichem Kontext, ohne die Informationen des Spitzels, der diese Snapshots aufgenommen hat, offenbaren die Fotos auf den ersten Blick die komisch-triviale Qualität der Überwachung: die observierten vermeintlichen Regimefeinde beim Ausführen der Hunde oder beim Einwerfen von Briefen (oder beim Spazieren gehen), beobachtet mit einem Tele-Objektiv. Doch Jens Klein kappt die informativen Bezüge, die zur Entstehung der Fotos führten, und liest die Aufnahmen auf andere Weise. Die Unschärfe der Bilder ist der »Realitätseffekt«, ein verbliebener Hinweis auf die Heimlichkeit der Bildentstehung.« Ästhetisch ist er konsequent vorgegangen. Ganz nach Behördenmanier hat er alle Bilder DIN-A4-groß geprintet und dann davor ein Museumsglas »nageln« lassen. Unsere Aufbauhelfer, die Studierenden der Medienwissenschaft der Universität Regensburg, haben dafür fünf Stunden gebraucht.
Auch diese Arbeit ist wichtig, um unsere eigene deutsche Geschichte immer wieder in Erinnerung zu rufen. Welchen Sinn hat die Überwachung eines gesamten Volkes über Jahrzehnte? Vor allem wenn man sich diese Aufnahmen anschaut.

NORA KLEIN wurde 1984 in Rostock geboren, lebt und arbeitet als Reportage-Fotografin in Erfurt. Sie fasziniert, das Unaussprechliche sichtbar zu machen. So entstand nicht nur ihr viel besprochenes Depressions-Projekt und die dazugehörige Vortragsreihe »Mal gut, mehr schlecht.«, die sie auch im Rahmen des Festivals präsentiert, sondern auch eine ihrer neuesten Arbeiten. Seit vielen Monaten setzt sie sich mit dem Thema »Sterben« auseinander. Sie findet Ausdrucksformen, die jenseits der Worte vermittelt, wie Menschen mit diesem Thema umge-hen. In den hier ausgestellten Arbeiten konfrontiert sie uns mit Gegenständen und Überresten von Menschen, die im Krematorium verbrannt worden sind. Nach der Einäscherung bleiben zum Beispiel Schrauben und Nägel übrig, die bei Operationen benutzt wurden.

JOHANNA REICH wurde 1978 geboren, lebt und arbeitet in Köln. Sie studierte in Münster, Köln und in Hamburg unter anderem bei Wim Wenders. In ihren Arbeiten lotet sie die scheinbar unendlichen Möglichkeiten des fotografischen, optischen und computergenerierten Bildes aus. In ihrer hier gezeigten Arbeit »Resistance« hinterfragt sie, welche Haltung die heutige Generation von Heranwachsenden gegenüber den Themen Macht und Widerstand einnimmt. Sie befragte Jugendliche aus verschiedenen deutschen Städten im Alter zwischen 14 und 22 Jahren, welche Bedeutung für sie der Begriff Widerstand spielt und mit welchen Personen sie sich in diesem Zusammenhang identifizieren.

JUERGEN STAACK wurde 1978 in Doberlug-Kirchhain geboren, lebt und arbeitet in Düsseldorf. Er studierte an der Kunstakademie in Düsseldorf und ist Meisterschüler von Thomas Ruff.
Seine Arbeiten bewegen sich in Grenzbereichen der Fotografie. Und immer steht die Frage der Bildentstehung im Raum. Was ist ein Bild? Was macht ein Bild aus? Wie, wann und wo entsteht es? Welchen Stellenwert bekommt ein Bild in einer Welt, die geprägt ist von visuellen Reizen? Bildoriginale interpretiert er um, lässt sie absichtlich verloren gehen, tauscht sie aus, wandelt sie in akustische Momente um und/oder zeigt ihre Codierung.
In »spring rain« zeigt er uns einen älteren chinesischen Mann, der mit einem Stock an dem ein nasser Lappen befestigt ist ein Gedicht in chinesischen Schriftzeichen auf Pflastersteine schreibt. Durch die Neigung der Kamera sind die glänzenden Schriftzeichen so lange zu sehen, bis sie von den warmen Sonnenstrahlen verdunsten. Eine Metapher für die verschwindenden Schriftzeichen im asiatischen Raum durch den allgegenwärtigen Einzug der Computergesteuerten Textverarbeitung und -Generierung.

Raum 1 – Galerie
Details zu den Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler von Festivalkurator Andy Scholz:

KERSTIN HACKER, geboren 1968 in Zwiesel, lebt und arbeitet in Cambridge. Sie studierte in Prag und London und unterrichtet heute an der Cambridge School of Art der Anglia Ruskin University Fotografie. Sie präsentiert in unserer großen Hauptausstellung einen Auszug aus ihrem Afrika-Zyklus »Stories of Kalingalinga«. Eine Reihung von Bildern aus dem Alltag in Lusaka, der Hauptstadt von Sambia.

DER NACHWUCHS – CAMBRIDGE SCHOOL OF ART
Die fünf Arbeiten von Studierenden aus Cambridge hat Kerstin Hacker zusammengestellt. Es ist ein dokumentarischer Ansatz. Alle fünf studieren Fotografie und sehen sich in einer klassischen fotografischen Tradition nämlich der Dokumentar- und Reportagefotografie.

OLAF UNVERZART wurde 1972 in Waldmünchen geboren, lebt und arbeitet in München. Er studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und unterrichtet aktuell an der Universität Mozarteum in Salzburg. Seine Motive sind subtil, assoziativ und deu-ten an. Sie sind nicht gemacht, um etwas zu erklären, zu beschreiben oder aufzuzeigen. Die oftmals in schwarz-weiß gehaltenen Aufnahmen sind Spuren, die er uns zu lesen gibt. Er hält sie uns aber nicht einfach nur direkt vors Gesicht, sondern er holt uns Stückchen für Stückchen, Moment für Moment, Graustufe für Graustufe rein ins Bild – in seine Sicht auf die Dinge – ganz gemächlich und behutsam. Er fordert uns heraus, die Geschichte, die Situation weiter zu denken, weiter zu erzählen – jede einzelne und jeder einzeln für sich.
In »staff«, die siebteilige schwarzweiße Fotoarbeit von Olaf Unverzart in unserer Ausstellung zeigt einen dunkelhäutigen Mann, der Sand mit Hilfe einer Schubkarre an einem Strand ablädt und fest tritt. Besser können unserer Meinung nach absurde und würdelose Arbeiten, die viele Menschen auf der Welt verrichten müssen nicht dargestellt werden. Nein, es kommt noch eine Konnotation dazu, denn so eine Schubkarre mit der Aufschrift »Jackson« lässt uns den Ort und die dahinter stehende Gesellschaft durchaus festlegen.

DER NACHWUCHS – MOZARTEUM SALZBURG
Drei fotografische Arbeiten von Studierenden vom Mozarteum hat Olaf Unverzart für unsere Ausstellung ausgesucht. Alle drei sind vor allem keine reinen Studierenden der Fotografie oder der Bildenden Kunst, sondern sie studieren »Szenografie/Bühnenbild«.
Sie repräsentieren genau unseren Leit-Ansatz für unser Festival, nämlich über den Tellerrand zu schauen, die Möglichkeiten des Fotografischen und der Präsentation von fotografischen Bildern ausnutzen und zum Beispiel Foto-Bücher zu Skulpturen werden zu lassen.

Raum 2
Details zu den Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler von Festivalkurator Andy Scholz:

BERIT SCHNEIDEREIT wurde 1988 in Frankfurt am Main geboren, lebt und arbeitet in Düssel-dorf. Sie studierte an der Kunstakademie in Düsseldorf und ist Meisterschülerin von Andreas Gursky. Sie spielt sämtliche fotografische Partituren: Analog, digital, Fotogramme, experimentelle Fotografie. Quer durch die Fotogeschichte und durch die fotografischen Epochen. Über-lagerungen, visuelle Schichtungen, die die Relation von sichtbar und unsichtbar, vorne und hinten hinterfragen. Wie in den hier gezeigten so genannten Draperien. Der Titel ist Programm. Schneidereit präsentiert uns den Blick durch eine Art Stoff, Vorhang, transparentes Tuch. Es geht um die netzartigen Strukturen, die das Bild strukturieren, das Dahinter wird ver-schleiert und hinter einem transparenten Vorhang versteckt.

PAUL KOOIKER, geboren 1964 in Rotterdam, lebt und arbeitet in Amsterdam. Er studierte in Rotterdam und Amsterdam. Seine überwiegend konzeptuell und seriell angelegten Arbeiten haben eine ganz eigene visuelle Ästhetik. Nicht das einzelne Motiv steht im Vordergrund, sondern die Motiv-Kombination. Die beinahe humoristische Verbindung von vollkommen unterschiedlichen Sujets bringen den Betrachter zum Schmunzeln, zum Wundern und zum Nach-denken.

DANIEL KEMPF-SEIFRIED wurde 1978 in Sigmaringen geboren, lebt und arbeitet als selbstständiger Dokumentar-Fotograf in Regensburg. Wir zeigen in unserer Ausstellung seine Serie »The River is an Ocean« aus dem Jahr 2017. Zwei Wochen lang war er Crew-Mitglied auf der Sea-Eye des Regensburger Michael Buschheuer und dokumentierte die Rettung von 1388 Flüchtlingen.
Daniel Kempf-Seifried wurde dafür angefeindet, als »Tourist« bezeichnet, der mit diesen Bildern reich werden möchte oder in den Gästebüchern stehen Kommentare wie: »Versenkt den Scheiß«.
Die 20 Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen den Kampf ums Überleben.
Für uns ist es wichtig seine Arbeit im Rahmen des Festivals zu zeigen um diesen gegenwärtigen fotografischen Bildern eine Plattform zu bieten und ihre Nachhaltigkeit zu gewährleisten.

Raum 3
Details zu den Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler von Festivalkurator Andy Scholz:

BIRTHE PIONTEK wurde 1976 in Erftstadt geboren, machte 2004 ihren Abschluss an der Folk-wang Universität der Künste in Essen und lebt seitdem in Vancouver, Kanada. Seit 2019 ist sie Professorin für Fotografie an der Emily-Carr-University in Vancouver. Sie beschäftigt sich insbesondere mit der weiblichen Identität und wie diese in unserer Gesellschaft sichtbar ist.
Ihre Fotografien sehen aus wie Bilder von Skulpturen, von ungewollten Bewegungen, von et-was, das irgendwie nicht richtig erscheint. Es wird etwas spür- und greifbar, was wir nicht in Worte fassen können. In ihrer Serie »Janus« aus den Jahren 2019 und 2020 beschäftigt sie sich sehr persönlich mit sich selbst und schließlich auch mit der Corona-Pandemie. Die Arbeiten aus den Jahren 2020 sind alle im Lock down hinzugekommen. Und es ist immer sie selbst auf den Bildern, fotografiert mit Selbstauslöser.
Es spielt keine große Rolle, aber am Knie, unter der Strumpfhose handelt es sich übrigens nicht um einen Apfel, sondern es ist eine Birne – eine chinesische Birne. Was aber wichtig ist, ist diese Irritation, die wir empfinden. Ist es ein Apfel? Der Sündenfall? Eine Wucherung? Eine Frucht am falschen Ort?

NATALIA LUZENKO wurde 1988 in Kopejsk, Russland, geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie arbeitet als selbsternannte »nomadische Fotografin« überall. Sie studierte bei Dieter Leistner an der Fachhochschule Würzburg. In ihren Bildern scheinen immer sehr persönliche und private, zarte und zärtliche Bezüge mitzuschwingen. Sie erinnern an die Auseinanderset-zung mit dem eigenen Ich und dem endgültig erwachsen werden. Sie zeigt zwei Bilder aus dem Zyklus: »Die Angst, verloren zu gehen.«.
(Ein Anachoret ist ein Einsiedler-Krebs.)

SIMON LEHNER wurde 1996 geboren, lebt und arbeitet in Wien. Er studierte an der Kunstakademie in Wien. Das erste Fotobuch veröffentlichte er mit 16. Heute wird seine Arbeit unter anderem in der amerikanischen Vogue veröffentlicht. Einerseits spielt er mit dem Medium und den fotografischen Genres. Andererseits spielt er mit unseren Ängsten und Vorurteilen. Ein Balanceakt zwischen Realität und Fiktion, zwischen Fake und Authentizität.
Technisch nutzt er analoges Material, dass dann digitalisiert wird, und gerändertes Material wird mit analogen Installationen verknüpft. Also immer ein schmaler Grat zwischen Behaup-tung und Tatsache. (In diesem Bild kann man sich fragen, ob der Junge Ameisen oder Spinne auf dem Rücken hat.)

Raum 4
Details zu den Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler von Festivalkurator Andy Scholz:

MIRIAM BÖHM wurde 1972 in Landsberg/Lech geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte Bühnen- und Filmgestaltung an der Kunstakademie in Wien sowie an der Reichsakademie in Amsterdam. Anschließend war sie lange Jahre Assistentin von Thomas Demand in Berlin, einem renommierten international anerkannten Künstler, der mit Fotografie arbeitet und in vielen internationalen Sammlungen vertreten ist.
Sie zeigt in unserer Ausstellung von ihr und Andy Scholz so genannte Konstruktionsskizzen oder Production Prints. Das sind Bilder, die noch nicht fertig durchkomponiert, durcharrangiert und/oder durchkonstruiert sind. Bei Miriam Böhm passt konstruiert besser, so Andy Scholz, denn sie baut buchstäblich ihre Bilder zusammen. In denen sie fragmentarisch am Bild und an Bildlichkeit arbeitet – mit Überlagerungen und Verschiebungen die in Ebenen übereinander liegen. Es entstehen collagenartige Schnittmengen aus analogem und digitalem fotografischem Material.

JUERGEN STAACK wurde 1978 in Doberlug-Kirchhain geboren, lebt und arbeitet in Düsseldorf. Er studierte an der Kunstakademie in Düsseldorf und ist Meisterschüler von Thomas Ruff.
Seine Arbeiten bewegen sich in Grenzbereichen der Fotografie. Und immer steht die Frage der Bildentstehung im Raum. Was ist ein Bild? Was macht ein Bild aus? Wie, wann und wo entsteht es? Welchen Stellenwert bekommt ein Bild in einer Welt, die geprägt ist von visuellen Reizen? Bildoriginale interpretiert er um, lässt sie absichtlich verloren gehen, tauscht sie aus, wandelt sie in akustische Momente um und/oder zeigt ihre Codierung.
In »Landscape 06« hat er in Sibirien eine Schneelandschaft bewegungslos gefilmt. Eine Reminiszenz an Fotografie. Eine bewegte Aufnahme, die statisch erscheint, wenn da nicht ein Schneemobil, wie ein Traktor durchs Bild fahren würde.